Tod eines Notizbuchs

notizbuch-tod3

Vorsicht – Notiz!

„Ich werde nicht zu viel verraten“, sagte ich zu Manuela, der aufmerksamsten aller Freundinnen, die am Frühstückstisch mit dem politischen Teil der Süddeutschen beschäftigt war. Sie erwiderte nichts, so dass ich fortfuhr:
„Die Spannung muss ja von Seite zu Seite steigen!“ Immerhin vernahm ich nun eine Art „Hmm“, das sowohl zustimmend als auch fragend gemeint sein konnte. Durch die vielen Blätter der SZ war der Ton gedämpft. Etwas fühlte ich mich an einen Schalldämpfer erinnert, was so gesehen gut zum Thema passte.
„Ich habe mich nämlich entschlossen …“. Diesmal sprach ich lauter und legte eine kleine Kunstpause ein, während ich die zweite Scheibe meines männlich-kernigen Dinkel-Vollkornbrotes mit Räucherkäse der Schönegger Alm belegte. „… habe mich entschlossen, die Zahl auf 2 zu erhöhen!“ Ein kleiner Triumph lag in meiner Stimme.
Manuela klappte den oberen Teil ihrer Zeitung um (ich konnte entziffern „Muslim-Burger an die Macht“ und überlegte, ob ein Hamburger-Laden mit religiösem Zug eröffnet hatte – später stellte sich heraus, dass es „Müsli-Bürger an die die Macht“ hieß und um den Bundesparteitag der Grünen ging, nun ja), also, sie klappte ihre Zeitung um und fragte:
„Zwei was?“
„Na, was wohl. Zwei Tote natürlich!“ Es entstand eine Pause, sie schien zu überlegen und hakte dann nach: „Wo gibt es zwei Tote?“
Ich seufzte. Warum nur hörte sie mir nie von Anfang an konzentriert zu?
„In meinem neuen Buch, Manu, da werde ich zwei der Hauptpersonen sterben lassen!“
Es entstand wieder eine Pause, diesmal aber deutlich kürzer, sie nickte: „Ach so, Dein neues Buch.“ Mir fehlte das Ausrufungszeichen hinter ihrem Satz. Hätte Sie gesagt: „Ach so! Dein! Neues! Buch! Komm! Erzähl!“ so wäre das ungefähr in die Richtung gegangen, die mir vorschwebte. Stattdessen schenkte sie sich Kaffee ein und blätterte die Seite um. So schnell gab ich nicht auf. Ich fuhr fort:
„Genau. Da wird es eine Leiche gleich am Anfang geben und in der Mitte ganz unvermutet eine zweite. In dem Moment, in dem der Leser denkt ‚Hach, ich weiß ja, wer der Mörder ist‘ werde ich eben diesen angeblichen Mörder sterben lassen. Genial, oder?! Ähnlich wie bei Deinen Geliebten Tatorten. Da gibt es gegen 21:20 Uhr auch immer einen Zwischenverdächtigen.“
Diesmal blickte sie sofort auf – ich hatte also endlich ihr Interesse geweckt.
„Das kann nicht sein“, sagte sie mit fester Stimme. Ich war verwirrt.
„Warum soll das nicht sein können?“
„Es gibt diesen Sonntag keinen Tatort sondern ‚Polizeiruf 110‘.“
„Ja, das mag ja sein. Aber egal ob nun Tatort oder Polizeiruf …“
„Egal?!“ fragte sie drohend und legte nun sogar die SZ weg. „Polizeiruf ist todlangweilig!“
Ich persönlich hätte nur schwer einen Unterschied zwischen diesen beiden Sendereihen feststellen können, aber ich schaute sie auch beide nicht, sondern schützte Sonntagabends um 20:15 Uhr immer dringende Tätigkeiten vor, so dass ich mich in mein Arbeitszimmer verziehen konnte. Alternativ wäre ich mit unserem Hund lieber Gassi gegangen, als … Aber das war jetzt egal. Vor allem, da wir gar keinen Hund hatten. Ich wollte überhaupt nicht über den Tatort diskutieren.
„Manuchen“, sagte ich, „ich wollte gar nicht über den Tatort mit Dir diskutieren …“
„Also erstens“, unterbrach sie mich, „nenn‘ mich nicht so. Und zweitens: Du hast doch mit Toten usw. angefangen, oder?“
„Ja schon, aber ich wollte Dir doch nur die neuesten Entwicklungsstränge meines Manuskripts kundtun. Vor allem, da ich neben der zweiten Leiche nun auch noch die Entschlüsselung eines Geheimcodes eingebaut habe!“
Sie schaute mich an und vergewisserte sich dann: „Es läuft also kein neuer Tatort?“
Schwere legte sich auf meine Brust, Trübsinn umspann meine Stirn: „Nein, kein neuer Tatort. – Aber Du wirst jetzt sicher wissen wollen …“
Sie winkte ab: „Ich weiß, was ich wissen muss“ und widmete sich wieder ihrer Zeitung. Nun hatte sie es geschafft. Ich war verärgert. Auf dem Blatt Papier neben mir strich ich den ToDo-Punkt „Liebevolle Widmung und Danksagung an Manuela an den Anfang des Buchs setzen“. Es hatte sich bei mir eine Trotzhaltung eingestellt, so dass schrieb: „Hauptperson stößt auf Unverständnis seiner Frau und nimmt sich am Schluss das Leben = 3. Toter“.
Wortlos hielt ich den Zettel über ihre Zeitung, so dass sie ihn lesen musste.
Sie senkte die Zeichnung und schaute mir direkt in die Augen. Dann sagte sie mit energischer Stimme:
„Also erstens, mein Lieber, ist es mir egal, ob auf Deinem Fetzen Papier 2, 20 oder noch mehr Figuren ums Leben kommen, so lange alles erfunden ist.
Zweitens machst Du seit Wochen ein Riesentamtam um ‚Dein Buch‘, ‚Mein Buch‘, ‚Das Buch‘. Schreib es einfach, schick es zum Verlag, warte auf die Veröffentlichung und tu dann wieder gescheite Sachen.
Drittens schreibst Du ein Sachbuch über irgendeine Computersoftware, die ich noch nie in meinem Leben benutzt habe und die wahrscheinlich auch kein Mensch außer Dir benutzt. Es geht da irgendwie um Datenbanken und Notizen und um sonst gar nichts.
Und viertens, viertens möchte ich jetzt in aller Ruhe und in völliger Stille meine Zeitung zu Ende lesen!“
Ich senkte den Kopf, nahm meinen Zettel und ging in mein Arbeitszimmer. Das große Poster über dem PC zeigte Snoopy, der auf dem Dach seiner Hundehütte über eine dunkle und stürmische Nacht schrieb. Er allein wusste, wie ich mich im Moment fühlte …

(Okay, ist inzwischen erschienen – alle Einzelheiten dazu auf http://notieren.de)

3 Kommentare

  1. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  2. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  3. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

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Tod eines Notizbuchs

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Vorsicht – Notiz!

„Ich werde nicht zu viel verraten“, sagte ich zu Manuela, der aufmerksamsten aller Freundinnen, die am Frühstückstisch mit dem politischen Teil der Süddeutschen beschäftigt war. Sie erwiderte nichts, so dass ich fortfuhr:
„Die Spannung muss ja von Seite zu Seite steigen!“ Immerhin vernahm ich nun eine Art „Hmm“, das sowohl zustimmend als auch fragend gemeint sein konnte. Durch die vielen Blätter der SZ war der Ton gedämpft. Etwas fühlte ich mich an einen Schalldämpfer erinnert, was so gesehen gut zum Thema passte.
„Ich habe mich nämlich entschlossen …“. Diesmal sprach ich lauter und legte eine kleine Kunstpause ein, während ich die zweite Scheibe meines männlich-kernigen Dinkel-Vollkornbrotes mit Räucherkäse der Schönegger Alm belegte. „… habe mich entschlossen, die Zahl auf 2 zu erhöhen!“ Ein kleiner Triumph lag in meiner Stimme.
Manuela klappte den oberen Teil ihrer Zeitung um (ich konnte entziffern „Muslim-Burger an die Macht“ und überlegte, ob ein Hamburger-Laden mit religiösem Zug eröffnet hatte – später stellte sich heraus, dass es „Müsli-Bürger an die die Macht“ hieß und um den Bundesparteitag der Grünen ging, nun ja), also, sie klappte ihre Zeitung um und fragte:
„Zwei was?“
„Na, was wohl. Zwei Tote natürlich!“ Es entstand eine Pause, sie schien zu überlegen und hakte dann nach: „Wo gibt es zwei Tote?“
Ich seufzte. Warum nur hörte sie mir nie von Anfang an konzentriert zu?
„In meinem neuen Buch, Manu, da werde ich zwei der Hauptpersonen sterben lassen!“
Es entstand wieder eine Pause, diesmal aber deutlich kürzer, sie nickte: „Ach so, Dein neues Buch.“ Mir fehlte das Ausrufungszeichen hinter ihrem Satz. Hätte Sie gesagt: „Ach so! Dein! Neues! Buch! Komm! Erzähl!“ so wäre das ungefähr in die Richtung gegangen, die mir vorschwebte. Stattdessen schenkte sie sich Kaffee ein und blätterte die Seite um. So schnell gab ich nicht auf. Ich fuhr fort:
„Genau. Da wird es eine Leiche gleich am Anfang geben und in der Mitte ganz unvermutet eine zweite. In dem Moment, in dem der Leser denkt ‚Hach, ich weiß ja, wer der Mörder ist‘ werde ich eben diesen angeblichen Mörder sterben lassen. Genial, oder?! Ähnlich wie bei Deinen Geliebten Tatorten. Da gibt es gegen 21:20 Uhr auch immer einen Zwischenverdächtigen.“
Diesmal blickte sie sofort auf – ich hatte also endlich ihr Interesse geweckt.
„Das kann nicht sein“, sagte sie mit fester Stimme. Ich war verwirrt.
„Warum soll das nicht sein können?“
„Es gibt diesen Sonntag keinen Tatort sondern ‚Polizeiruf 110‘.“
„Ja, das mag ja sein. Aber egal ob nun Tatort oder Polizeiruf …“
„Egal?!“ fragte sie drohend und legte nun sogar die SZ weg. „Polizeiruf ist todlangweilig!“
Ich persönlich hätte nur schwer einen Unterschied zwischen diesen beiden Sendereihen feststellen können, aber ich schaute sie auch beide nicht, sondern schützte Sonntagabends um 20:15 Uhr immer dringende Tätigkeiten vor, so dass ich mich in mein Arbeitszimmer verziehen konnte. Alternativ wäre ich mit unserem Hund lieber Gassi gegangen, als … Aber das war jetzt egal. Vor allem, da wir gar keinen Hund hatten. Ich wollte überhaupt nicht über den Tatort diskutieren.
„Manuchen“, sagte ich, „ich wollte gar nicht über den Tatort mit Dir diskutieren …“
„Also erstens“, unterbrach sie mich, „nenn‘ mich nicht so. Und zweitens: Du hast doch mit Toten usw. angefangen, oder?“
„Ja schon, aber ich wollte Dir doch nur die neuesten Entwicklungsstränge meines Manuskripts kundtun. Vor allem, da ich neben der zweiten Leiche nun auch noch die Entschlüsselung eines Geheimcodes eingebaut habe!“
Sie schaute mich an und vergewisserte sich dann: „Es läuft also kein neuer Tatort?“
Schwere legte sich auf meine Brust, Trübsinn umspann meine Stirn: „Nein, kein neuer Tatort. – Aber Du wirst jetzt sicher wissen wollen …“
Sie winkte ab: „Ich weiß, was ich wissen muss“ und widmete sich wieder ihrer Zeitung. Nun hatte sie es geschafft. Ich war verärgert. Auf dem Blatt Papier neben mir strich ich den ToDo-Punkt „Liebevolle Widmung und Danksagung an Manuela an den Anfang des Buchs setzen“. Es hatte sich bei mir eine Trotzhaltung eingestellt, so dass schrieb: „Hauptperson stößt auf Unverständnis seiner Frau und nimmt sich am Schluss das Leben = 3. Toter“.
Wortlos hielt ich den Zettel über ihre Zeitung, so dass sie ihn lesen musste.
Sie senkte die Zeichnung und schaute mir direkt in die Augen. Dann sagte sie mit energischer Stimme:
„Also erstens, mein Lieber, ist es mir egal, ob auf Deinem Fetzen Papier 2, 20 oder noch mehr Figuren ums Leben kommen, so lange alles erfunden ist.
Zweitens machst Du seit Wochen ein Riesentamtam um ‚Dein Buch‘, ‚Mein Buch‘, ‚Das Buch‘. Schreib es einfach, schick es zum Verlag, warte auf die Veröffentlichung und tu dann wieder gescheite Sachen.
Drittens schreibst Du ein Sachbuch über irgendeine Computersoftware, die ich noch nie in meinem Leben benutzt habe und die wahrscheinlich auch kein Mensch außer Dir benutzt. Es geht da irgendwie um Datenbanken und Notizen und um sonst gar nichts.
Und viertens, viertens möchte ich jetzt in aller Ruhe und in völliger Stille meine Zeitung zu Ende lesen!“
Ich senkte den Kopf, nahm meinen Zettel und ging in mein Arbeitszimmer. Das große Poster über dem PC zeigte Snoopy, der auf dem Dach seiner Hundehütte über eine dunkle und stürmische Nacht schrieb. Er allein wusste, wie ich mich im Moment fühlte …

(Okay, ist inzwischen erschienen – alle Einzelheiten dazu auf http://notieren.de)

3 Kommentare

  1. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  2. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  3. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

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Tod eines Notizbuchs

notizbuch-tod3

Vorsicht – Notiz!

„Ich werde nicht zu viel verraten“, sagte ich zu Manuela, der aufmerksamsten aller Freundinnen, die am Frühstückstisch mit dem politischen Teil der Süddeutschen beschäftigt war. Sie erwiderte nichts, so dass ich fortfuhr:
„Die Spannung muss ja von Seite zu Seite steigen!“ Immerhin vernahm ich nun eine Art „Hmm“, das sowohl zustimmend als auch fragend gemeint sein konnte. Durch die vielen Blätter der SZ war der Ton gedämpft. Etwas fühlte ich mich an einen Schalldämpfer erinnert, was so gesehen gut zum Thema passte.
„Ich habe mich nämlich entschlossen …“. Diesmal sprach ich lauter und legte eine kleine Kunstpause ein, während ich die zweite Scheibe meines männlich-kernigen Dinkel-Vollkornbrotes mit Räucherkäse der Schönegger Alm belegte. „… habe mich entschlossen, die Zahl auf 2 zu erhöhen!“ Ein kleiner Triumph lag in meiner Stimme.
Manuela klappte den oberen Teil ihrer Zeitung um (ich konnte entziffern „Muslim-Burger an die Macht“ und überlegte, ob ein Hamburger-Laden mit religiösem Zug eröffnet hatte – später stellte sich heraus, dass es „Müsli-Bürger an die die Macht“ hieß und um den Bundesparteitag der Grünen ging, nun ja), also, sie klappte ihre Zeitung um und fragte:
„Zwei was?“
„Na, was wohl. Zwei Tote natürlich!“ Es entstand eine Pause, sie schien zu überlegen und hakte dann nach: „Wo gibt es zwei Tote?“
Ich seufzte. Warum nur hörte sie mir nie von Anfang an konzentriert zu?
„In meinem neuen Buch, Manu, da werde ich zwei der Hauptpersonen sterben lassen!“
Es entstand wieder eine Pause, diesmal aber deutlich kürzer, sie nickte: „Ach so, Dein neues Buch.“ Mir fehlte das Ausrufungszeichen hinter ihrem Satz. Hätte Sie gesagt: „Ach so! Dein! Neues! Buch! Komm! Erzähl!“ so wäre das ungefähr in die Richtung gegangen, die mir vorschwebte. Stattdessen schenkte sie sich Kaffee ein und blätterte die Seite um. So schnell gab ich nicht auf. Ich fuhr fort:
„Genau. Da wird es eine Leiche gleich am Anfang geben und in der Mitte ganz unvermutet eine zweite. In dem Moment, in dem der Leser denkt ‚Hach, ich weiß ja, wer der Mörder ist‘ werde ich eben diesen angeblichen Mörder sterben lassen. Genial, oder?! Ähnlich wie bei Deinen Geliebten Tatorten. Da gibt es gegen 21:20 Uhr auch immer einen Zwischenverdächtigen.“
Diesmal blickte sie sofort auf – ich hatte also endlich ihr Interesse geweckt.
„Das kann nicht sein“, sagte sie mit fester Stimme. Ich war verwirrt.
„Warum soll das nicht sein können?“
„Es gibt diesen Sonntag keinen Tatort sondern ‚Polizeiruf 110‘.“
„Ja, das mag ja sein. Aber egal ob nun Tatort oder Polizeiruf …“
„Egal?!“ fragte sie drohend und legte nun sogar die SZ weg. „Polizeiruf ist todlangweilig!“
Ich persönlich hätte nur schwer einen Unterschied zwischen diesen beiden Sendereihen feststellen können, aber ich schaute sie auch beide nicht, sondern schützte Sonntagabends um 20:15 Uhr immer dringende Tätigkeiten vor, so dass ich mich in mein Arbeitszimmer verziehen konnte. Alternativ wäre ich mit unserem Hund lieber Gassi gegangen, als … Aber das war jetzt egal. Vor allem, da wir gar keinen Hund hatten. Ich wollte überhaupt nicht über den Tatort diskutieren.
„Manuchen“, sagte ich, „ich wollte gar nicht über den Tatort mit Dir diskutieren …“
„Also erstens“, unterbrach sie mich, „nenn‘ mich nicht so. Und zweitens: Du hast doch mit Toten usw. angefangen, oder?“
„Ja schon, aber ich wollte Dir doch nur die neuesten Entwicklungsstränge meines Manuskripts kundtun. Vor allem, da ich neben der zweiten Leiche nun auch noch die Entschlüsselung eines Geheimcodes eingebaut habe!“
Sie schaute mich an und vergewisserte sich dann: „Es läuft also kein neuer Tatort?“
Schwere legte sich auf meine Brust, Trübsinn umspann meine Stirn: „Nein, kein neuer Tatort. – Aber Du wirst jetzt sicher wissen wollen …“
Sie winkte ab: „Ich weiß, was ich wissen muss“ und widmete sich wieder ihrer Zeitung. Nun hatte sie es geschafft. Ich war verärgert. Auf dem Blatt Papier neben mir strich ich den ToDo-Punkt „Liebevolle Widmung und Danksagung an Manuela an den Anfang des Buchs setzen“. Es hatte sich bei mir eine Trotzhaltung eingestellt, so dass schrieb: „Hauptperson stößt auf Unverständnis seiner Frau und nimmt sich am Schluss das Leben = 3. Toter“.
Wortlos hielt ich den Zettel über ihre Zeitung, so dass sie ihn lesen musste.
Sie senkte die Zeichnung und schaute mir direkt in die Augen. Dann sagte sie mit energischer Stimme:
„Also erstens, mein Lieber, ist es mir egal, ob auf Deinem Fetzen Papier 2, 20 oder noch mehr Figuren ums Leben kommen, so lange alles erfunden ist.
Zweitens machst Du seit Wochen ein Riesentamtam um ‚Dein Buch‘, ‚Mein Buch‘, ‚Das Buch‘. Schreib es einfach, schick es zum Verlag, warte auf die Veröffentlichung und tu dann wieder gescheite Sachen.
Drittens schreibst Du ein Sachbuch über irgendeine Computersoftware, die ich noch nie in meinem Leben benutzt habe und die wahrscheinlich auch kein Mensch außer Dir benutzt. Es geht da irgendwie um Datenbanken und Notizen und um sonst gar nichts.
Und viertens, viertens möchte ich jetzt in aller Ruhe und in völliger Stille meine Zeitung zu Ende lesen!“
Ich senkte den Kopf, nahm meinen Zettel und ging in mein Arbeitszimmer. Das große Poster über dem PC zeigte Snoopy, der auf dem Dach seiner Hundehütte über eine dunkle und stürmische Nacht schrieb. Er allein wusste, wie ich mich im Moment fühlte …

(Okay, ist inzwischen erschienen – alle Einzelheiten dazu auf http://notieren.de)

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  1. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  2. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

  3. Bernd
    Apr 22, 2013

    Bin zufällig auf die Geschichte gestossen. Amüsant, wenn man es liest – leider nervenaufreibend wenn man es in vergleichbarer Form selber erlebt.
    Gratuliere daher dazu, dass es ohne kriminaltechnisch zu verfolgendes Ende aufhört 😉

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