Vermehrt Euch! – Wie die Sprache das Denken verrät

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Strahlende Zukunft

DF, Berlin Mitte, Trend-Thema: “Kinder kriegen”. Da saß sie, jene Alice Schwarzer, die sich seit Jahrzehnten für Frauen einsetzt. Von ihr kamen in dieser seichten Plauderrunde die einzig vernünftigen Sätze. Zum Beispiel: “Gebären für die Nation? Ich dachte, diese Zeiten wären eigentlich vorbei.” Oder ihr Hinweis darauf, dass man sich doch eigentlich nicht über die “kinderunwilligen Männer” zu wundern braucht. Schließlich habe man ihnen in den letzten Jahren klar gemacht, dass sie gefälligst bei der Erziehung mitzuhelfen hätten, Windeln zu wechseln, schlaflose Nächte, Rückstellung von Karriere, verzicht auf Geld usw. usw. Und nun haben sich das die Männer halt durch den Kopf gehen lassen und sich gesagt: “Echt? Das muss ich dann alles machen? Nö, dann doch lieber nicht.”
Na ja, andere in der Runde waren anderer Meinung und bliesen zur bekannten “Hatz” auf die Kinderverweigerer und Egoisten, die man als neue Schuldige für Rentenkürzungen ausgemacht hat. Das ist jetzt nicht gar so schlimm, weil das Thema ohnehin nur 4 Wochen von der Presse ausgelutscht und dann weggeworfen wird. Aber es gab in der Diskussion eine Stelle, die doch betroffen macht:
Jener CSU-Politiker (Familienpolitiker!) Norbert Geis wurde auf die gute Alice zorning und bellte heraus: “Sie waren ja auch für den Schwangerschaftsabbruch! 300.000 Schwangerschaftsabbrüche – 300.000 die uns fehlen!”
In dieser Sekunde wurde – für mich, andere mögen das anders sehen – deutlich, dass es dem Redner nie um Kinder ging. Nicht um Menschen. Nicht um Menschlichkeit. Einzig und allein um Zahlen, um ein Gerüst, um einen Glaubenssatz. Vielleicht auch um Wahlkampf oder was auch immer. Aber nicht um Menschen. In jenen Jahren, in jener bleiernen, spießigen deutschen Zeit, in der Alice Schwarzer sich für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs einsetzte, verbluteten jährlich hunderte von Frauen auf den Schlachtbänken von Pfuschern. Jenen, die sich damals vehement für die weiterwährende Kriminalisierung abtreibender Frauen einsetzten, waren hauptsächlich ihre “Werte” wichtig. Sonst nichts. Daran wollte ich an dieser Stelle doch mal erinnert haben. Denn man muss Politikern ja derartige Sätze nicht durchgehen lassen.
So, und jetzt vermehrt Euch! Oder halt nicht … :)

15 Kommentare

  1. Light
    Mrz 24, 2006

    Prima, dann karnickeln wir jetzt mal los und bereiten die lieben Kleinen so gut wie möglich auf verfallende Schulen, Lehrstellenmangel, überfüllte Unis und Arbeitslosigkeit vor. Hat schonmal jemand daran gedacht, dass die Rechnung mit mehr Kindern für sichere Renten nur aufgeht, wenn diese Kinder dann auch eine gut dotierte Arbeit haben und Sozialbeiträge zahlen?

  2. Holger
    Mrz 24, 2006

    Das ist krass was Norbert Geis da gesagt hat

    danke für den guten Artikel

  3. EmmJay
    Mrz 24, 2006

    Ich habs auch gesehen. Grausig. Da gefiel mir hartaberfair vom Mittwochabend — wo es um das gleiche Thema ging und wo auch Herr Geis keifend rumsaß — wesentlich besser. Auch da ging es um Zahlen, aber nicht vorwiegend. Ganz ohne Zahlen wird man eine politische Diskussion auch nicht führen können…

  4. Holger
    Mrz 24, 2006

    Könnte aber auch daran liegen das wir uns nicht vermehren ;o)

  5. Eddy Peach
    Mrz 24, 2006

    Wie war es am Dienstag bei Pro Christ in einer Predigt von Ulrich Parzany zu hören:
    “Wer hätte gedacht, dass das Thema Familie zu einem der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit werden würde? Leider ist der Grund beschämend. Wir stellen in Deutschland fest, dass nicht genug Kinder geboren werden, um eines Tages die Renten für die immer älter werdende Bevölkerung zu bezahlen. Also geht es eigentlich wieder ums Geld und nicht um die Kinder.”

  6. Herbert
    Mrz 24, 2006

    Eddy: Das trifft es! – Light: Ja, es hat schon mal jemand daran gedacht – Ericht Kästner, Mitte der 20-er Jahre des letzten Jahrhunderts. In Bezug auf die damalige Jugendarbeitslosigkeit schreibt er in seinem Gedicht “Das Riesenspielzeug”:

    Ihr habt uns in die Welt gesetzt.
    Wer hatte euch dazu ermächtigt?
    Wir sind nicht existenzberechtigt
    und fragen euch: Und was wird jetzt?

    Schon sind wir eine Million!
    Wir waren fleißig und gelehrig.
    Und ihr? Ihr schickt uns, minderjährig,
    fürs ganze Leben in Pension.

  7. Eschenfee
    Mrz 24, 2006

    Ich hab’s leider auch nicht gesehen … danke für’s erzählen ! :)

  8. Ralf Eichler
    Mrz 24, 2006

    Ich finde es schlimm wie man mit Worten Tatsachen verharmlosen kann. Da wird aus einer Kindstötung im Mutterleib ein “Schwangerschaftsabbruch”, oder noch schlimmer “-Unterbrechung”, als könne man die irgendwann, wenns genehm ist, wieder fortsetzen.

    Viele kinderlose Paare wünschen sich ein Kind das sie adoptieren können.

    Einerseits wird um das Leben jedes Frühchens mit dem Einsatz modernster Mittel gekämpft, auf der anderen Seite gibt es in Deutschland *im Jahr* ca. 150.000 (gemeldete) Abtreibungen. Das ist eine komplette Großstadt! Ich behaupte mal dass es in einem der reichsten Länder Europas in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle NICHT darum gehen kann, dass sich die Mutter das Kind nicht “leisten” kann.

    Leute wie Beethoven wären in der heutigen Gesellschaft Kandidaten für eine Abteibung.

    http://www.abtreibung.de/inhalt.htm

    R/\LF

  9. Herbert
    Mrz 24, 2006

    Ob man “für” oder “gegen” Abtreibung ist, ist ein anderes Thema, obwohl ich persönlich da die klare Einstellung habe, dass Frauen hier selbst entscheiden sollen (und so lange viele der militanten Abtreibungsgegner ihre eigenen Söhne zur Armee schicken oder ihr Wahlkreuz bei Bush machen, nehme ich ihnen auch nicht ab, dass sie sich für “das Leben” einsetzen). Aber okay, das kann man natürlich auch anders sehen. Nur, ich denke mal, so wie der oben erwähnte Norbert Geis sollte man es nun wirklich nicht sehen.

  10. Sahanya
    Mrz 24, 2006

    Auf die Spitze der Unverschämtheit (bezüglich der Vermischung der Themen Abtreibung und Geburtenrückgang) hat es allerdings ein Kommentator in der SVZ gebracht:

    Ein Aderlass von acht Millionen Menschen, die Deutschland heute fehlen.

    (Leider ist der Artikel nicht mehr online bzw. kann nur noch gegen Gebühr angeschaut werden.)

  11. Gospodin
    Mrz 25, 2006

    Ich fand der beste Beitrag in dieser Fernsehdiskussion kam von einem Familienforscher, der als Experte geladen war und dessen Namen mir leider entfallen ist: “Die Deutschen bekommen keine Kinder, weil sie keine Kinder wollen.” Punkt.
    Herr Geis vertritt sicher ein eher konservatives Familienbild, welches von der Mehrzahl der jungen Frauen und Männer heutzutage nicht mehr geteilt wird. Er macht es aber, wie ich finde, auf eine sehr ehrliche Art und Weise, ohne – wie die peinliche Frau Schwarzer – ständig ein ideologisches Fähnlein vor sich her zu tragen. Die Gedanken sind frei. Das gilt auch für konservative Auffassungen. Man muss sie nicht teilen, darf sie aber auch nicht pauschal diskriminieren.
    Dass die Diskussion immer schnell um Geld geführt wird (Wer zahlt noch die Renten?) hat einen einfachen Grund, nämlich die Egozentrik der heute verantwortlichen Generationen. Das eigene Einkommen, der persönliche materielle Wohlstand ist bei vielen die wichtigste Messlatte für politische Entscheidungen: “Weniger Kinder? Ist mir egal, die nerven sowieso. Weniger Rente? Unverschämtheit!”

  12. kho
    Mrz 25, 2006

    Manchmal denke ich, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn wir mal aussterben… vor allem, wenn ich mir die Sprüche derartiger Politiker anhöre.
    Die Emanzipation der Frau als Begründung für das Ende unserer Gesellschaft… surreal.

    Ein schönes Wochenende und liebe Grüsse, kho

  13. Herbert
    Mrz 25, 2006

    Gospodin: Nur zu Deinem letzten Satz mit der “Egozentrik der heutigen Generation”. Das Argument wird oft gebraucht, ist aber (jetzt meine ich nur das Argument, nicht Deine Einstellung) total schwachsinnig. Denn 1. gibt es nicht die geringsten Belege dafür, dass frühere Generationen “selbstloser” gewesen wären. Eher für das Gegenteil. Und zweitens muss man endlich mal kapieren, dass “Nicht-Kinder-Haben” absolut nichts mit “Egoismus” zu tun hat. Ich kann Dir 10 Millionen Kinderlose zeigen, die “egoistisch” sind – und 10 Millionen Menschen mit Kindern. Dass Leute Kinder aus altruistischen Motiven bekämen, ist meiner Ansicht nach ein Märchen. Es gibt einfach verschiedene Lebensplanungen und alle haben ihre Berechtigung. Da muss man nicht eine Form abstempeln.

    Nein, ich denke, man muss einfach aufhören, auf dieser blödsinnigen Schiene nach “Schuldigen” zu suchen. Die demografische Situation ist, wie sie ist. Die wirkliche Suche nach Lösungen hat daher rein gar nichts mit diesen Gebärbeschuldigungen zu tun. Man muss sich fragen, wie man dieses Wirtschaftssystem umbauen kann, mit welchen eigenen Profilen dieses Land in Zeiten der Globalisierung bestehen kann usw. usw. usw. Und sollte halt das Jammern aufhören und das Denken anfangen … :-)

  14. apollon
    Mrz 25, 2006

    Hab’s genau so gesehen wie Herbert. Die einzig interessanten Wortbeiträge kamen von Alice Schwarzer und Geis erwies sich in meinen Augen einmal mehr als reaktionärer Politiker.

    Die Welt hat sich geändert, sicher nicht nur in Deutschland und wenn wir zulassen, dass sich der Diskurs auf Rentenfragen und pure Arithmetik verkürzt, dann machen wir in meinen Augen alles falsch! Ich erlaube mir, auf einen Artikel hinzuweisen, den ich vor ein paar Tagen zu dem Thema geschrieben habe und hoffe, ich darf das. Ich bin unbedingt der Meinung, dass die Integrationsfrage viel mit unserem Thema
    zu tun hat und haben wird.
    http://www.finger.zeig.net/?p=2281

  15. chinaladen
    Apr 25, 2006

    Tatsache ist, daß sich die Gesellschaft durch die Geburtenkontrollmöglichkeiten drastisch ändert. Tatsache ist auch, daß dies zu Problemen führt.

    Die populistische Darstellung durch einzelne Politiker ist bedauerlich, allerdings hoffe ich sehr, daß solche albernen bildzeitungsorientierten Schlagworte in der breiten Öffentlichkeit ohnehin nur zu Gähnen animieren.

    Was ich allerdings wirklich erwähnenswert finde und was mich wirklich positiv berührt, ist, daß Alice Schwarzer in Männerseiten so positiv erwähnt wird und die Sichtweise hier so unendlich ausgewogen scheint.

    Wenn etwas Hoffnung und Freude macht dann das: dass deutsche Männer so aufgeschlossen und offen sein können. Solange das gegeben ist, solange erträgt Deutschland auch die Herren Geis und Co.!

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