Sennheiser zu kurz geraten

Ein mitleidiger Blick aus Günters Augen – ein guter alter Freund – streifte mich, als er meinen ausgesprochen preisgünstig erworbenen MP3-Player aus der Hand legte. „Tja“, meinte er gedehnt, „nettes Spielzeug … Aber die Tonqualität … erschreckend.“ Ich ergriff schnell meinen Player und umklammerte ihn, denn ich war auf keinen Fall gewillt, ihn wieder herzugeben. „Also ich finde ihn gut“, sagte ich trotzig. Günter hob beschwichtigend die Hand. „Okay, okay. Ich sag ja: ganz nett. Aber du solltest dir auf jeden Fall gescheite Ohrhörer zulegen. Ohrhörer sind für einen MP3-Player das, was Boxen für eine Stereoanlage sind!“ Günter war Berufsschullehrer und liebte Vergleiche. Und ich wurde nachdenklich. Da war was dran. Obwohl ich eigentlich mit den jetzigen Ohrhörern zufrieden war. Sie passten und es kam Musik raus. Vorsichtig fragte ich: „Wie meinst du das jetzt genau?“ Günter sah mir direkt in die Augen, schwieg einige Sekunden und stieß dann triumphierend ein einziges Wort aus: „Sennheiser!“ Ich lehnte mich zurück, zuckte mit der Schulter und fragte begriffsstutzig zurück: „Sennheiser?“ „Yep“, sagte Günter. „Es gibt nur einen einzigen Hersteller, der wirklich was von Sound versteht. Und der heißt Sennheiser.“ Wir diskutierten noch einige Minuten hin und her, aber schließlich ließ ich mich überzeugen. Ein paar zusätzliche Kophörerchen – warum nicht, die 2 Euro hatte ich allemal übrig.
Gemeinsam gingen wir in die Rundfunkabteilung von Kaufhof-Galeria. Günter winkte einen der Verkäufer zu sich und tat kund, dass wir Kopfhörer für einen MP3-Player kaufen wollten. Der Verkäufer deutete auf ein Regal und wollte sich abwenden, als Günter das Zauberwort sprach: „Wir suchen einen …“, wieder eine kleine Kunstpause, „… Sennheiser Kopfhörer!“ Der Verkäufer blieb sofort stehen und sah Günter von einer Sekunde auf die andere mit völlig anderen Augen an. „Ah!“ meinte er mit anerkennendem Blick und geruhte nun, uns zu einem besonderen Regal zu führen. Ich sah dem Regal schon aus fünf Metern Entfernung an, dass ich mit meinen eingeplanten 2 Euro nicht weit kommen würde.
Der Verkäufer zeigt Günter ein Stück nach dem anderen und sie vertieften sich in irgendwelche technischen Details, von denen ich nicht viel verstand. Dafür verstand ich etwas von Geld und schob alle Exemplare jenseits der 20 Euro Grenze an die Seite. Das war mir eindeutig zu viel. Allenfalls dieser MX500 für 17,50 Euro war akzeptabel. Widerstrebend meinte Günter, dass das zwar nur Mittelklasse sei, aber immerhin sei es ein Sennheiser. Dann tauschten sie sich noch darüber aus, dass es das Modell in Schwarz und Weiß gab und die neue weiße Serie für all die armen Kerle wäre, die nach iPod aussehen wollten, sich aber höchstens einen Lidl-Player leisten konnten. Bockig nahm ich den weißen, denn der gefiel mir nun mal. Günter seufzte, der Verkäufer presste die Lippen zusammen, ich zahlte.
Gleich draußen in der Fußgängerzone nötigte mich Günter, die Ohrhörer auszuprobieren. Er wollte wahrscheinlich unbedingt mein strahlendes Gesicht sehen. Nun gut, ich mag ihn und tat ihm also den Gefallen. Der Sound war tatsächlich gut (obwohl – soooo groß zu meinen vorherigen Kopfhörern war der Unterschied nun auch wieder nicht), ich strahlte, damit Günter auch seine Freude hatte und ließ meinen MP3-Stick wie gewohnt in meine Hosentasche fallen. Im gleichen Moment zuckte es an meinen Ohren und meine Mine verdüsterte sich.
Anklagend sagte ich zu Günter: „Das Kabel ist zu kurz!“ Günter schüttelte ungläubig den Kopf. „Du musst dich irren – auf der Packung stand: ‚Kabellänge 1,20m’, das reicht.“ Dazu muss man wissen, dass Günter mit seinen 1,69 eher von kleinwüchsiger Statur ist – ich hingegen bringe fast 1,87 an das Metermaß (morgens – gegen Abend sind es eher 1,86). Daher nützte es auch gar nichts, dass er nun selbst das Gerät in die Hand nahm, sich die Ohrhörer einstöpselte und mir bewies, dass bei ihm das Kabel sogar schlackerte. Das leuchtete auch ihm ein und er drängte mich, die Prozedur zu wiederholen. Der MP3-Player schwebte frei in meiner Hosentasche und es zog an meinen Ohren. Jetzt griff mir Günter in die Tasche, um zu kontrollieren, ob ich den Player nicht etwa ungünstig liegen hatte. Ich versuchte, ihn wegzustoßen, da es mir ausgesprochen unangenehm war, wenn mir mitten in der Fußgängerzone eine männliche Person in die Hosentasche griff. Günter dachte einige Sekunden nach, dann erhellten sich seine Gesichtszüge und er sprang kurz in die Apotheke gegenüber. Nach 2 Minuten kam er mit einer Packung Tempos angetanzt, zog diese alle aus der Hülle heraus, machte ein größeres Knäuel und versuchte, mir dieses in die Tasche unter den Player zu schieben. In diesem Moment kam meine Kollegin Heidrun vorbei, der ich zurief, es sei nicht so, wie es aussehen würde. Sie winkte ab, meinte, sie sei tolerant und ich solle meinen „süßen kleinen Freund“ ruhig zur nächsten Betriebsfete mitbringen.
Jetzt reichte es mir, ich ging auf Distanz zu Günter und entfernte auch die Tempos.
Günter schaute mich nachdenklich an und meinte dann: „Beug doch den Kopf etwas nach vorne.“ In der Tat: Wenn ich meinen Kopf in einem Winkel von 30 Grad nach vorne beugte und dann eine etwas gebückte Haltung einnahm, klappte alles tadellos. Jetzt war auch Günter wieder fröhlich und er sagte: „Siehst du, mit etwas gutem Willen geht doch alles!“ Zum Glück wohnte Günter weit weg und musste wieder fahren. Nachdem er weg war, legte ich die Sennheiser-Hörer in eine Schublade, kramte meine alten Kopfhörer wieder heraus und war glücklich.

(PS: Ich habe mir wirklich die MX500 zugelegt. Sie sind wirklich weiß. Sie sind tatsächlich zu kurz.)

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