eBooks wie sie keiner kennt ...

Ich weiß, ich weiß – selbst technikbegeisterte Blogger bekennen sich dazu, Literatur bevorzug zwischen “echten” Buchdeckeln zu lesen. Das ist ja auch in Ordnung und bei mir nicht unbedingt anders. Mein drittliebster Aufenthaltsort in der Öffentlichkeit sind, nach Straßencafés, Buchhandlungen. Ich liebe die Kombination von Papier- und Espressoduft.
Nein, ich bin auch kein Fan von langen PDF-Dateien oder eklig-sprödem Billig-Druckerpapier. Diese Sachen fasse ich nur an, wenn es um Infoschnipsel oder einen kurzen Aufsatz geht oder es sich sonst nicht vermeiden lässt.
Aber gerade weil ich Bücher mag, mag ich eBooks. Und zwar „richtige“. Zu einem richtigen eBook werden für mich Texte, die auf meiner Palmoberfläche erstrahlen. Warum das so ist? Nun, natürlich gefällt mir die Vorstellung von Stehlampen-Dämmerlicht, gepaart mit dem Aroma eines Tees, Rotweins oder guten Whiskeys und winterlicher Kuscheldecke – durchdrungen von dem leisen Blättern papierener Seiten. Aber ich kenne mich. Solche Momente habe ich vielleicht 2, 3 mal im Jahr. Und der Rest des Jahres? Da gibt es die vielen Zeiten in Bus, Straßenbahn und Zug. Warteschlange-Zeiten. Schlechtes-Licht-am-Bett-Zeiten. Auto-Beifahrer-Dämmerlicht-Zeiten … und … und …
Mein Palm ist hintergrundbeleuchtet, sogar bei absoluter Dunkelheit kann ich ausgezeichnet lesen. Mein Palm hat eine gestochen scharfe Auflösung. Meinen Palm kann ich „längs“ nehmen und habe damit eine ideale Linienbreite. Ich kann in der Software Eselsohren setzen, bunte Markierungen einfügen und Notizen anheften.
Vor allem aber, ich kann Texte lesen, die es gar nicht mehr gibt oder die Erinnerungen wecken. Würde ich zum Beispiel etwa …

… heute noch ein Karl-May-Buch kaufen und meine Abende damit verbringen? „Pshaw!“ würde mein alter Freund Old Shatterhand sagen. Aber einige Jahre meiner Kindheit habe ich damit verbracht, 35 – 40 dieser Bände zu lesen. Wenn ich heute wieder wissen möchte, an was ich damals gedacht habe, kann ich mir den Text einfach auf den Palm laden und zwischen zwei Haltestellen für einige Minuten auf den Kriegspfad gehen. Oder uralt-Groschen-Roman-Science-Fiction-Hefte (wer kennt im Zeitalter von „Spacerangers“ und „Sailormoon“ schon noch Perry Rhodan?). Das ist Ihnen zu anspruchslos? Nun, pardon, das ist mir höchst gleichgültig, da ich die Bücher ja für mich lese – nicht für Sie ;-)
Aber bitte – ich war ja noch nicht am Ende. Das Projekt Gutenberg, dessen deutsche Variante inzwischen bei SPIEGEL ONLINE untergebracht ist, bietet eine fast unendliche Auswahl an Texten. Vor einiger Zeit sind zum Beispiel einige Werke von Rainer Maria Rilke von dort auf mein kleines Endlostaschenbuch gewandert. Daher schließe ich jetzt auch mit einem Gedicht auch „Buch der Bilder“:

Erinnerung

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

Rainer Maria Rilke

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