Killing Blogs, Kapitel 2

Wer ist die geheimnisvolle Moni?

(Kapitel 1)

Kapitel 2: Moni taucht auf – und unter …

Die Stimme hauchte:
„Hallo Süßer! Du bist ja gestern nicht gekommen. Jetzt liege ich hier in der Badewanne, einsam in meinem Schaum …“
Horst unterbrach während er sich zurück lehnte: „Sehr hübsch, Günther. Gar nicht übel.“
Am anderen Ende war es für ein paar Sekunden still, dann hörte man ein Rascheln und eine männliche Stimme fuhr fort:
„Teufel, Horst, wie hast du das gemerkt? Ich habe Stunden gebraucht, um mit diesem Audiotool alles genau so zu justieren, dass es nach einer verführerischen Frauenstimme klingt!“
Horst seufzte. Sein alter Freund Günther hatte früher bei der Bahn gearbeitet, war dort Beamter im Mittleren Dienst gewesen und war mit 52 in den vorzeitigen Ruhestand entlassen worden, weil die Bahn wegen der Privatisierung möglichst rasch alle Angestellten im Beamtenverhältnis „abstoßen“ wollte. Jetzt hatte Günter viel Zeit. Und da er früher die Amateurfunkerei als Hobby betrieben hatte, galt auch heute seine ganze Aufmerksamkeit Audio-Schnitt-Programmen.
„Ja, Günther“, der Tonfall von Horst nahm einen Hauch jene Färbung an, die entsteht, wenn man einem kleineren Kind etwas erklären will, „das hast du auch prima hingekriegt. Aber es gibt da einen winzigen Schönheitsfehler.“
„Und der wäre?“, fragte Günther leicht eingeschnappt.
„Man hört Deine Stimme im Hintergrund, wenn Du ins Mikro sprichst.“
Wieder 2, 3 Sekunden Schweigen am anderen Ende. Schließlich brummelte Günther:
„Hm, ja, okay. Ich wollte es halt live machen, damit ich besser auf Deine Fragen hätte reagieren können. Ansonsten kann ich das natürlich auch aufzeichnen, aber dann merkst du es so rasch …“
„Du meinst, ich würde es noch rascher merken, als eben?“
„Schon gut, schon gut. Aber wieso klappt das immer bei Entführungen oder in Horrorfilmen, wenn man nie den anderen an seiner Stimme erkennt?“
„Erstens, weil das Filme sind, Günther. Und zweitens mag es da noch Geräte jenseits vom Computer geben, so was wie Stimmenfilter, die man direkt auf das Telefon klemmt, könnte ich mir vorstellen.“
„Ah! Das ist natürlich eine Idee! Wo kriegt man so was her?“
Horst seufzte nun recht vernehmlich.
„Günther, Du gehst einfach in das nächste Fachgeschäft für Entführungen, lässt einen der Verkäufer kommen und sagst ihm …“
Am anderen Ende machte es „klick“ und …

…auch Horst legte mit einem leisen Lächeln den Hörer zurück. Er kannte seinen Freund. Der würde morgen schon wieder alles vergessen haben und jetzt erstmal wild im Internet nach solch einem Stimmenfilter fahnden.

Der Blog von Horst Jetzt aber endlich die Verbindung zu seinem Blog „Gedankenzwickel“ aufbauen! Ja, er sah sehr hübsch aus. Eigentlich verstand Horst nicht viel von Stylesheets, CSS usw. Aber da war ein recht nettes Template dabei gewesen, das er demnächst noch etwas anpassen würde. Nun noch mal kurz durchscrollen … Oho! Jemand hatte einen Kommentar zu seinem letzten Beitrag geschrieben! Das Herz von Horst ging schneller. Jemand in den Weiten des Internets hatte seinen Blog nicht nur entdeckt, sondern war sogar bereit gewesen, ein paar Worte zu hinterlassen! In einem seiner ersten Posting-Versuche hatte er etwas über seine letzte Beziehung geplaudert. Natürlich nicht zu private, nicht zu intime Details, dafür war er nicht der Typ. Ihm war es eher um die Frage gegangen, warum Männer und Frauen oft aneinander vorbei reden. Und warum überhaupt Frauen ständig wollen, dass Männer über ihre Gefühle reden, auch wenn diese überhaupt keine Lust dazu verspüren.
Der Kommentar war von einer gewissen „Moni“ abgeschickt worden. Er lautete:
„Hast du bisher nur Frauen gekannt, die ständig reden wollen? Es gibt auch sehr schweigsame Frauen!“ Okay, das waren jetzt nur 2 Sätze. Aber für einen so frischen Blog, wie es seiner war, waren 2 Kommentarsätze schon super. Und dazu von einer Frau! Na okay, irgendeine Statistik sagte wohl, dass der Frauenanteil unter Bloggern sehr hoch sei, aber er traute solchen Statistiken nicht. Jedenfalls ließ er den Mauszeiger erstmal über den Namen wandern, um zu sehen, ob sie eine eigene URL angegeben hatte. Ja, hatte sie! Natürlich, neue Blogs wurden meist zuerst von anderen Bloggern entdeckt, die nächtelang das Netz auf der Suche nach Neuigkeiten durchstreiften.
Der Blog von Moni Natürlich klickte er umgehend auf die URL, die bei blogger.com zu Hause war. Blogger.com, inzwischen von Google aufgekauft, war einer der großen Blog-Dienste, die es dem Anwender ersparten, selbst eine entsprechende Blog-Software zu installieren. Nach einer kurzen Anmeldung konnte man praktisch sofort loslegen. „Secrets of Moni“ nannte sie ihren Blog. Nun, war sie wirklich so „geheimnisvoll“?
Sie war es, jedenfalls, was ihr Blog-Profil anbetraf. Dort stand nämlich – noch? – nichts über sie. Aber immerhin ein Bild war da, das ist schon mal viel wert. Horst notierte sich schnell, dass er bei seinem eigenen Blog noch irgendein Profil anbauen musste. Viele Leser waren doch neugierig und wollten wissen, wer das eigentlich schreibt. Na ja, es hatte keine Eile, man musste dazu erstmal „viele“ Leser haben.
Ansonsten schien sie auch erst seit Oktober mit dem Bloggen begonnen zu haben. Jedenfalls waren noch nicht viele Einträge da. Das, was da war, handelte ein wenig von einer Trennung und einem gewissen Uwe. Und offensichtlich noch von einem anderen Typen, der wohl sehr unangenehm werden konnte. Jedenfalls entnahm Horst das dem Beitrag von gestern: „Fahr’ zur Hölle!“ lautete die aussagekräftige Überschrift.
Nun ja, dachte er bei sich, das Mädel scheint in seiner Vergangenheit einiges mitgemacht zu haben. Hinterlasse ich ihr einen kleinen Gruß. Gewissermaßen so von Blog-Beginner zu Blog-Beginner. Hm, aber was sollte er auf einen solchen Eintrag als Kommentar schreiben? Er brauche einige Zeit und entschied sich schließlich, sich kurz zu fassen:
„Hallo Moni, danke für Deinen netten Eintrag in meinen Gedankenzwickel-Blog! Ich hoffe, Dir geht es auch am Morgen nach der Flasche Rotwein noch gut. Falls Du wieder einmal Ärger bekommen solltest, schreib’ mir eine Mail. Ich komm’ dann mit meiner Streitaxt!“

Ein wenig bastelte er noch an seinem Blog herum. Er hatte nämlich ein Statistik-Plugin gefunden, so dass er mit allen möglichen Daten sehen konnte, wer so täglich kam, wie gesagt, falls jemand kam. Am Schluss schaute er noch mal auf Monis Blog und auf seinen dortigen Kommentar. Während er den Monitordeckel seines Notebooks schloss schielte er auf seine dürftigen Armmuskeln und dachte bei sich, dass er froh sein konnte, nie eine Streitaxt führen zu müssen. Er wusste noch nicht, wie sehr er sich irrte …

((wird fortgesetzt))

(Kapitel 1 ist hier zu finden.)

1 Kommentar

  1. Anobella
    Sep 28, 2005

    ging geheimnisvolle moni denn weiter? gefällt mir sehr gut! anobella

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