Weibliche Navigationssysteme

Im Westen geht die Sonne auf ...

Ein kurzes Video brachte mich auf folgende Idee: Was würde geschehen, wenn man Navigationssysteme mit Künstlicher Intelligenz ausstatten würde? Genauer: mit weiblicher Künstlicher Intelligenz …

Wir schreiben das Jahr 2007. Gernot Singer, ein befreundeter Ingenieur an der Jerusalemer Universität, hat mir den Prototypen eines neuartigen Navigationssystems überlassen: Ein flexibles System, das auch bei unvorhergesehenen Problemen (Sturm, Umleitungen durch Fußballfans) schnell und einfach Lösungen finden soll. Ich hatte mich für die weibliche Variante entschieden, weil es ja immer heißt, dass weibliche Gehirne besonders flink und multitaskingfähig seien.
Sie hieß Raphaela und heute starteten wir zu unserem ersten Praxistest. Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das System ein und sagte: „Nach Rittersberg, Hessen, Odenwald.“
„Oh ja, sofort, Meister!“ erklang die fröhliche Stimme einer etwa 22-jährigen Frau. Das mit dem „Meister“ ließ sich leider nicht abstellen (Gernot war in seiner Kindheit ein Fan der Fernsehsendung „Bezaubernde Jeannie“ gewesen). Im Gegenzug nannte ich Raphaela „Raffi“.
„Wir werden 3 Stunden und 24 Minuten unterwegs sein“, erklang Raffis Stimme, während ich losfuhr. „So lange?“ fragte ich misstrauisch.
„Ja“, zirpte Raffi, „es scheint doch die Sonne!“
Diese kausale Verknüpfung zwischen Sonnenschein und Dauer der Fahrt war für mich nicht auf den ersten Blick einsichtig. Auf eine entsprechende Frage erklang wiederum ausgesprochen fröhlich – allerdings mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton: „Bei diesem herrlichen Wetter …“, Raffi hatte nämlich auch eine Anbindung zu dem Internetdienst wetter.com, „… werden wir doch sicher zwischendrin am Baggersee in Erbach …“ Raffi kannte ebenfalls den Internetdienst baggerseen.de, „… eine kleine Pause einlegen!“
„Nein“, sagte ich bestimmt, „ich bin geschäftlich unterwegs – keine Pause.“
„Aber natürlich, Meister. Fahrtdauer also 2 Stunden 17 Minuten.“
Nachdem ich von der Autobahn abgefahren war, erwartete ich die Anweisungen von Raffi, die auch prompt kamen:
„Geradeaus, Meister!“
„Aber Raffi, es geht nur geradeaus – hier gibt es nirgendwo eine Kreuzung.“
„Natürlich nicht. Ich sage das nur so zur Sicherheit.“
Ich schwieg.
Raffi schwieg.
Bis ihre Stimme ertönte: „Die Nächste rechts ab.“ Tatsächlich tauchte da ein Ackerweg auf, allerdings mit dem Schild „Biobauernhof Gutschmied“.
„Bist Du Dir auch wirklich sicher, Raffi?“
„Natürlich bin ich mir sicher!“ Leichte Empörung schwang in ihrer Stimme. Gerade als ich das Lenkrad rechts einschlug, kam Raffis Stimme alarmiert aus dem Lautsprecher: „Aber doch nicht hier rechts!“
Gerade noch konnte ich den Wagen abfangen und fuhr die Bundesstraße weiter.
„Raffi“, sagte ich, „mach’ mich nicht fertig! Eben hast du doch …“
Sie unterbrach mich: „Ich weiß, was ich gesagt habe! Ich habe ’die N ä c h s t e’ gesagt. Wenn ich diese hier gemeint hätte, hätte ich „diese hier“ gesagt.“
Ich schwieg, …

… denn nun kam tatsächlich eine Straße, die wohl richtig war und in eine kleine Stadt führte. Im Stadtkern stieß ich allerdings auf eine Umleitung, die zwei Möglichkeiten offen ließ.
„Raffi, hier ist eine Umleitung.“
„Uiuiuiui“, kam es aus der Wagenmitte. „Eine Umleitung?“
„Ja, Raffi. Soll ich jetzt über Wiebelsbach Heubach oder über Höchst fahren?“
„Hm … wir müssen uns da jetzt entscheiden?“
„Ja, Raffi, und zwar schnell. Hinter mir stehen schon andere Autos.“
„Bitte hetz mich nicht! Da kann sich ja kein System konzentrieren!“ Ihre Stimme war eine Oktave höher geworden. „Moment – ich frage die Satelliten ab.“
Ich wartete, hinter mir hupte es, ich fuhr einfach mal an den Rand.
„Bist Du so weit?“ erkundigte ich mich, nachdem 2 Minuten nichts von Raffi zu hören war.
„Drängle nicht!“ kam die Antwort ohne Verzögerung. „Ich bin so gut wie fertig!“
„Gut.“ Ich wartete. Nach weiteren 2 Minuten wollte ich gerade ansetzen, als ihr Stimmchen rasch und deutlich befahl: „Über Höchst fahren.“
Ich legte den Gang ein und fuhr los, fragte aber dennoch: „Bist Du Dir auch wirklich sicher?“
„Pff, wer von uns beiden navigiert hier – ich oder Du … Meister!“ Das „Meister“ kam diesmal mit Verzögerung und, wie mir schien, auch etwas spöttisch.
Ich schwieg und fuhr weiter. Nach einiger Zeit wagte ich aber doch zu sagen: „Also irgendwie habe ich das Gefühl, dass die andere Richtung wesentlich schneller gewesen wäre.“
„Natürlich wäre die schneller gewesen, die ist doch auch 20 km kürzer.“
„Wie bitte?“ drang es aus meiner Kehle. „Warum haben wir die denn dann nicht genommen?“
„Weil diese Strecke hier wesentlich schöner ist. Schau Dir allein diese herrlichen Baumalleen an!“
Ich presste die Lippen aufeinander und fuhr weiter.
Aus meinen düsteren Gedanken weckte mich Raffi:
„Wir müssen dann irgendwann mal links.“
„Irgendwann? Geht es ein wenig präziser?“
„Na ja, da vorne halt mal.“
Tatsächlich, da vorne kam eine Kreuzung und ich lenke nach links.
„Halt!“ rief Raffi aus dem Lautsprecher. „Die andere Richtung!“
Ich riss das Steuer nach rechts und schaffe gerade noch die Kurve.
„Was soll das denn?!“ fragte ich nun doch etwas zornig.
„Was meinst Du, liebster Meister?“ erklang unterwürfig Raffis Stimme.
„Du hast doch gerade ’links abbiegen’ gesagt!“
„Das stimmt. Aber ich meinte rechts abbiegen.“
„Uff – du weißt schon, dass es die Aufgabe eine Navigationssystems ist, in diesen Angelegenheiten möglichst präzise zu sein?“
Raffi schwieg.
Ich sagte: „Hast du mich verstanden?“
Irgendein Grummeln kam aus den Lautsprechern.
„Wie bitte?“ hakte ich nach.
„Nun hab‘ Dich mal nicht so. Links, rechts – wer wird denn da so kleinlich sein. Ich kann auch nicht gleichzeitig an alles denken“, erklang es spitz.
„Mensch, Raffi, so kommen wir nie rechtzeitig ans Ziel!“
Raffis Sound wurde einige Takte schneller:
„Ach ja? Jetzt bin ich es wohl wieder? Der Herr sitzt einfach gemütlich hinter dem Steuer, schaut sich in Ruhe die Gegend an, bewundert die Bäume und freut sich über die Sonne. Aber ihm macht es nichts aus, dass ich hier schufte und schwitze und mein Bestes tue, damit es ihm so gut wie möglich geht!“
„Hör mal, ich will mit Dir nicht diskutieren …“
„Aha!“ unterbrach sie mich barsch. „Geht der Herr also einer Diskussion aus dem Wege?! Klar, weil es so bequem ist, immer recht zu haben, weil …“
Nun unterbrach ich sie meinerseits und sagte etwas grob:
„Verflixt noch mal, Raffi, du bist nur eine Maschine und ich muss …“
Ein Schluchzen drang aus dem Lautsprecher.
„Nur eine Maschine …“, erklang es leise. „Mehr bin ich also nicht für dich?! Ein paar Drähte, etwas Plastik …“, die Stimme wurde immer leiser und versiegte schließlich ganz.

Ich schluckte und erklärte, dass ich es nicht so gemeint hätte. Aber Raffi antwortete nicht. Auch meine weiteren Entschuldigungen fanden kein Gehör, so dass ich ihr schließlich vorschlug, den alten Shell-Atlas aus dem Koffer zu holen und selbst den restlichen Weg zu finden. Dieser Vorschlag erzeugte aber lediglich weitere Heulkrämpfe, bei denen unterdrückt hervorkam: „Ach … ich bin Dir also nicht mehr gut genug? Wenn ich nicht so funktioniere, wie ich soll, dann greifst du einfach zu einem Ersatz? Austauschbar, wie ein Stück Blech!“
Ich schluckte die Bemerkung runter, dass sie eigentlich nur ein Stück Blech sei, ließ den Atlas im Kofferraum und hangelte mich auch so von Schild zu Schild zum Zielort. Am nächsten Tage ließ ich Raffi ausbauen und nach Israel zurückschicken. Das brachte mir zwar eine Reihe schlafloser Nächte und Schuldgefühle ein, aber irgendwann würde ich auch das überwunden haben …

45 Kommentare

  1. Ben
    Aug 17, 2006

    Wie gut das ich mein Navi auf eine Männerstimme eingestellt habe. 😉

  2. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  3. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  4. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  5. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  6. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  7. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

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  1. Ulla & Rike » Blog Archive » Frauen und Kartenlesen - [...] diese kleine Geschichte über Raphaela gefällt mir: Weibliche Navigationssysteme (unbedingt auch das Video anschauen) Grüße von unterwegs, Ulla  …
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Im Westen geht die Sonne auf ...

Ein kurzes Video brachte mich auf folgende Idee: Was würde geschehen, wenn man Navigationssysteme mit Künstlicher Intelligenz ausstatten würde? Genauer: mit weiblicher Künstlicher Intelligenz …

Wir schreiben das Jahr 2007. Gernot Singer, ein befreundeter Ingenieur an der Jerusalemer Universität, hat mir den Prototypen eines neuartigen Navigationssystems überlassen: Ein flexibles System, das auch bei unvorhergesehenen Problemen (Sturm, Umleitungen durch Fußballfans) schnell und einfach Lösungen finden soll. Ich hatte mich für die weibliche Variante entschieden, weil es ja immer heißt, dass weibliche Gehirne besonders flink und multitaskingfähig seien.
Sie hieß Raphaela und heute starteten wir zu unserem ersten Praxistest. Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das System ein und sagte: „Nach Rittersberg, Hessen, Odenwald.“
„Oh ja, sofort, Meister!“ erklang die fröhliche Stimme einer etwa 22-jährigen Frau. Das mit dem „Meister“ ließ sich leider nicht abstellen (Gernot war in seiner Kindheit ein Fan der Fernsehsendung „Bezaubernde Jeannie“ gewesen). Im Gegenzug nannte ich Raphaela „Raffi“.
„Wir werden 3 Stunden und 24 Minuten unterwegs sein“, erklang Raffis Stimme, während ich losfuhr. „So lange?“ fragte ich misstrauisch.
„Ja“, zirpte Raffi, „es scheint doch die Sonne!“
Diese kausale Verknüpfung zwischen Sonnenschein und Dauer der Fahrt war für mich nicht auf den ersten Blick einsichtig. Auf eine entsprechende Frage erklang wiederum ausgesprochen fröhlich – allerdings mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton: „Bei diesem herrlichen Wetter …“, Raffi hatte nämlich auch eine Anbindung zu dem Internetdienst wetter.com, „… werden wir doch sicher zwischendrin am Baggersee in Erbach …“ Raffi kannte ebenfalls den Internetdienst baggerseen.de, „… eine kleine Pause einlegen!“
„Nein“, sagte ich bestimmt, „ich bin geschäftlich unterwegs – keine Pause.“
„Aber natürlich, Meister. Fahrtdauer also 2 Stunden 17 Minuten.“
Nachdem ich von der Autobahn abgefahren war, erwartete ich die Anweisungen von Raffi, die auch prompt kamen:
„Geradeaus, Meister!“
„Aber Raffi, es geht nur geradeaus – hier gibt es nirgendwo eine Kreuzung.“
„Natürlich nicht. Ich sage das nur so zur Sicherheit.“
Ich schwieg.
Raffi schwieg.
Bis ihre Stimme ertönte: „Die Nächste rechts ab.“ Tatsächlich tauchte da ein Ackerweg auf, allerdings mit dem Schild „Biobauernhof Gutschmied“.
„Bist Du Dir auch wirklich sicher, Raffi?“
„Natürlich bin ich mir sicher!“ Leichte Empörung schwang in ihrer Stimme. Gerade als ich das Lenkrad rechts einschlug, kam Raffis Stimme alarmiert aus dem Lautsprecher: „Aber doch nicht hier rechts!“
Gerade noch konnte ich den Wagen abfangen und fuhr die Bundesstraße weiter.
„Raffi“, sagte ich, „mach’ mich nicht fertig! Eben hast du doch …“
Sie unterbrach mich: „Ich weiß, was ich gesagt habe! Ich habe ’die N ä c h s t e’ gesagt. Wenn ich diese hier gemeint hätte, hätte ich „diese hier“ gesagt.“
Ich schwieg, …

… denn nun kam tatsächlich eine Straße, die wohl richtig war und in eine kleine Stadt führte. Im Stadtkern stieß ich allerdings auf eine Umleitung, die zwei Möglichkeiten offen ließ.
„Raffi, hier ist eine Umleitung.“
„Uiuiuiui“, kam es aus der Wagenmitte. „Eine Umleitung?“
„Ja, Raffi. Soll ich jetzt über Wiebelsbach Heubach oder über Höchst fahren?“
„Hm … wir müssen uns da jetzt entscheiden?“
„Ja, Raffi, und zwar schnell. Hinter mir stehen schon andere Autos.“
„Bitte hetz mich nicht! Da kann sich ja kein System konzentrieren!“ Ihre Stimme war eine Oktave höher geworden. „Moment – ich frage die Satelliten ab.“
Ich wartete, hinter mir hupte es, ich fuhr einfach mal an den Rand.
„Bist Du so weit?“ erkundigte ich mich, nachdem 2 Minuten nichts von Raffi zu hören war.
„Drängle nicht!“ kam die Antwort ohne Verzögerung. „Ich bin so gut wie fertig!“
„Gut.“ Ich wartete. Nach weiteren 2 Minuten wollte ich gerade ansetzen, als ihr Stimmchen rasch und deutlich befahl: „Über Höchst fahren.“
Ich legte den Gang ein und fuhr los, fragte aber dennoch: „Bist Du Dir auch wirklich sicher?“
„Pff, wer von uns beiden navigiert hier – ich oder Du … Meister!“ Das „Meister“ kam diesmal mit Verzögerung und, wie mir schien, auch etwas spöttisch.
Ich schwieg und fuhr weiter. Nach einiger Zeit wagte ich aber doch zu sagen: „Also irgendwie habe ich das Gefühl, dass die andere Richtung wesentlich schneller gewesen wäre.“
„Natürlich wäre die schneller gewesen, die ist doch auch 20 km kürzer.“
„Wie bitte?“ drang es aus meiner Kehle. „Warum haben wir die denn dann nicht genommen?“
„Weil diese Strecke hier wesentlich schöner ist. Schau Dir allein diese herrlichen Baumalleen an!“
Ich presste die Lippen aufeinander und fuhr weiter.
Aus meinen düsteren Gedanken weckte mich Raffi:
„Wir müssen dann irgendwann mal links.“
„Irgendwann? Geht es ein wenig präziser?“
„Na ja, da vorne halt mal.“
Tatsächlich, da vorne kam eine Kreuzung und ich lenke nach links.
„Halt!“ rief Raffi aus dem Lautsprecher. „Die andere Richtung!“
Ich riss das Steuer nach rechts und schaffe gerade noch die Kurve.
„Was soll das denn?!“ fragte ich nun doch etwas zornig.
„Was meinst Du, liebster Meister?“ erklang unterwürfig Raffis Stimme.
„Du hast doch gerade ’links abbiegen’ gesagt!“
„Das stimmt. Aber ich meinte rechts abbiegen.“
„Uff – du weißt schon, dass es die Aufgabe eine Navigationssystems ist, in diesen Angelegenheiten möglichst präzise zu sein?“
Raffi schwieg.
Ich sagte: „Hast du mich verstanden?“
Irgendein Grummeln kam aus den Lautsprechern.
„Wie bitte?“ hakte ich nach.
„Nun hab‘ Dich mal nicht so. Links, rechts – wer wird denn da so kleinlich sein. Ich kann auch nicht gleichzeitig an alles denken“, erklang es spitz.
„Mensch, Raffi, so kommen wir nie rechtzeitig ans Ziel!“
Raffis Sound wurde einige Takte schneller:
„Ach ja? Jetzt bin ich es wohl wieder? Der Herr sitzt einfach gemütlich hinter dem Steuer, schaut sich in Ruhe die Gegend an, bewundert die Bäume und freut sich über die Sonne. Aber ihm macht es nichts aus, dass ich hier schufte und schwitze und mein Bestes tue, damit es ihm so gut wie möglich geht!“
„Hör mal, ich will mit Dir nicht diskutieren …“
„Aha!“ unterbrach sie mich barsch. „Geht der Herr also einer Diskussion aus dem Wege?! Klar, weil es so bequem ist, immer recht zu haben, weil …“
Nun unterbrach ich sie meinerseits und sagte etwas grob:
„Verflixt noch mal, Raffi, du bist nur eine Maschine und ich muss …“
Ein Schluchzen drang aus dem Lautsprecher.
„Nur eine Maschine …“, erklang es leise. „Mehr bin ich also nicht für dich?! Ein paar Drähte, etwas Plastik …“, die Stimme wurde immer leiser und versiegte schließlich ganz.

Ich schluckte und erklärte, dass ich es nicht so gemeint hätte. Aber Raffi antwortete nicht. Auch meine weiteren Entschuldigungen fanden kein Gehör, so dass ich ihr schließlich vorschlug, den alten Shell-Atlas aus dem Koffer zu holen und selbst den restlichen Weg zu finden. Dieser Vorschlag erzeugte aber lediglich weitere Heulkrämpfe, bei denen unterdrückt hervorkam: „Ach … ich bin Dir also nicht mehr gut genug? Wenn ich nicht so funktioniere, wie ich soll, dann greifst du einfach zu einem Ersatz? Austauschbar, wie ein Stück Blech!“
Ich schluckte die Bemerkung runter, dass sie eigentlich nur ein Stück Blech sei, ließ den Atlas im Kofferraum und hangelte mich auch so von Schild zu Schild zum Zielort. Am nächsten Tage ließ ich Raffi ausbauen und nach Israel zurückschicken. Das brachte mir zwar eine Reihe schlafloser Nächte und Schuldgefühle ein, aber irgendwann würde ich auch das überwunden haben …

45 Kommentare

  1. Ben
    Aug 17, 2006

    Wie gut das ich mein Navi auf eine Männerstimme eingestellt habe. 😉

  2. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  3. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  4. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  5. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  6. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  7. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

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  1. Ulla & Rike » Blog Archive » Frauen und Kartenlesen - [...] diese kleine Geschichte über Raphaela gefällt mir: Weibliche Navigationssysteme (unbedingt auch das Video anschauen) Grüße von unterwegs, Ulla  …
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Im Westen geht die Sonne auf ...

Ein kurzes Video brachte mich auf folgende Idee: Was würde geschehen, wenn man Navigationssysteme mit Künstlicher Intelligenz ausstatten würde? Genauer: mit weiblicher Künstlicher Intelligenz …

Wir schreiben das Jahr 2007. Gernot Singer, ein befreundeter Ingenieur an der Jerusalemer Universität, hat mir den Prototypen eines neuartigen Navigationssystems überlassen: Ein flexibles System, das auch bei unvorhergesehenen Problemen (Sturm, Umleitungen durch Fußballfans) schnell und einfach Lösungen finden soll. Ich hatte mich für die weibliche Variante entschieden, weil es ja immer heißt, dass weibliche Gehirne besonders flink und multitaskingfähig seien.
Sie hieß Raphaela und heute starteten wir zu unserem ersten Praxistest. Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das System ein und sagte: „Nach Rittersberg, Hessen, Odenwald.“
„Oh ja, sofort, Meister!“ erklang die fröhliche Stimme einer etwa 22-jährigen Frau. Das mit dem „Meister“ ließ sich leider nicht abstellen (Gernot war in seiner Kindheit ein Fan der Fernsehsendung „Bezaubernde Jeannie“ gewesen). Im Gegenzug nannte ich Raphaela „Raffi“.
„Wir werden 3 Stunden und 24 Minuten unterwegs sein“, erklang Raffis Stimme, während ich losfuhr. „So lange?“ fragte ich misstrauisch.
„Ja“, zirpte Raffi, „es scheint doch die Sonne!“
Diese kausale Verknüpfung zwischen Sonnenschein und Dauer der Fahrt war für mich nicht auf den ersten Blick einsichtig. Auf eine entsprechende Frage erklang wiederum ausgesprochen fröhlich – allerdings mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton: „Bei diesem herrlichen Wetter …“, Raffi hatte nämlich auch eine Anbindung zu dem Internetdienst wetter.com, „… werden wir doch sicher zwischendrin am Baggersee in Erbach …“ Raffi kannte ebenfalls den Internetdienst baggerseen.de, „… eine kleine Pause einlegen!“
„Nein“, sagte ich bestimmt, „ich bin geschäftlich unterwegs – keine Pause.“
„Aber natürlich, Meister. Fahrtdauer also 2 Stunden 17 Minuten.“
Nachdem ich von der Autobahn abgefahren war, erwartete ich die Anweisungen von Raffi, die auch prompt kamen:
„Geradeaus, Meister!“
„Aber Raffi, es geht nur geradeaus – hier gibt es nirgendwo eine Kreuzung.“
„Natürlich nicht. Ich sage das nur so zur Sicherheit.“
Ich schwieg.
Raffi schwieg.
Bis ihre Stimme ertönte: „Die Nächste rechts ab.“ Tatsächlich tauchte da ein Ackerweg auf, allerdings mit dem Schild „Biobauernhof Gutschmied“.
„Bist Du Dir auch wirklich sicher, Raffi?“
„Natürlich bin ich mir sicher!“ Leichte Empörung schwang in ihrer Stimme. Gerade als ich das Lenkrad rechts einschlug, kam Raffis Stimme alarmiert aus dem Lautsprecher: „Aber doch nicht hier rechts!“
Gerade noch konnte ich den Wagen abfangen und fuhr die Bundesstraße weiter.
„Raffi“, sagte ich, „mach’ mich nicht fertig! Eben hast du doch …“
Sie unterbrach mich: „Ich weiß, was ich gesagt habe! Ich habe ’die N ä c h s t e’ gesagt. Wenn ich diese hier gemeint hätte, hätte ich „diese hier“ gesagt.“
Ich schwieg, …

… denn nun kam tatsächlich eine Straße, die wohl richtig war und in eine kleine Stadt führte. Im Stadtkern stieß ich allerdings auf eine Umleitung, die zwei Möglichkeiten offen ließ.
„Raffi, hier ist eine Umleitung.“
„Uiuiuiui“, kam es aus der Wagenmitte. „Eine Umleitung?“
„Ja, Raffi. Soll ich jetzt über Wiebelsbach Heubach oder über Höchst fahren?“
„Hm … wir müssen uns da jetzt entscheiden?“
„Ja, Raffi, und zwar schnell. Hinter mir stehen schon andere Autos.“
„Bitte hetz mich nicht! Da kann sich ja kein System konzentrieren!“ Ihre Stimme war eine Oktave höher geworden. „Moment – ich frage die Satelliten ab.“
Ich wartete, hinter mir hupte es, ich fuhr einfach mal an den Rand.
„Bist Du so weit?“ erkundigte ich mich, nachdem 2 Minuten nichts von Raffi zu hören war.
„Drängle nicht!“ kam die Antwort ohne Verzögerung. „Ich bin so gut wie fertig!“
„Gut.“ Ich wartete. Nach weiteren 2 Minuten wollte ich gerade ansetzen, als ihr Stimmchen rasch und deutlich befahl: „Über Höchst fahren.“
Ich legte den Gang ein und fuhr los, fragte aber dennoch: „Bist Du Dir auch wirklich sicher?“
„Pff, wer von uns beiden navigiert hier – ich oder Du … Meister!“ Das „Meister“ kam diesmal mit Verzögerung und, wie mir schien, auch etwas spöttisch.
Ich schwieg und fuhr weiter. Nach einiger Zeit wagte ich aber doch zu sagen: „Also irgendwie habe ich das Gefühl, dass die andere Richtung wesentlich schneller gewesen wäre.“
„Natürlich wäre die schneller gewesen, die ist doch auch 20 km kürzer.“
„Wie bitte?“ drang es aus meiner Kehle. „Warum haben wir die denn dann nicht genommen?“
„Weil diese Strecke hier wesentlich schöner ist. Schau Dir allein diese herrlichen Baumalleen an!“
Ich presste die Lippen aufeinander und fuhr weiter.
Aus meinen düsteren Gedanken weckte mich Raffi:
„Wir müssen dann irgendwann mal links.“
„Irgendwann? Geht es ein wenig präziser?“
„Na ja, da vorne halt mal.“
Tatsächlich, da vorne kam eine Kreuzung und ich lenke nach links.
„Halt!“ rief Raffi aus dem Lautsprecher. „Die andere Richtung!“
Ich riss das Steuer nach rechts und schaffe gerade noch die Kurve.
„Was soll das denn?!“ fragte ich nun doch etwas zornig.
„Was meinst Du, liebster Meister?“ erklang unterwürfig Raffis Stimme.
„Du hast doch gerade ’links abbiegen’ gesagt!“
„Das stimmt. Aber ich meinte rechts abbiegen.“
„Uff – du weißt schon, dass es die Aufgabe eine Navigationssystems ist, in diesen Angelegenheiten möglichst präzise zu sein?“
Raffi schwieg.
Ich sagte: „Hast du mich verstanden?“
Irgendein Grummeln kam aus den Lautsprechern.
„Wie bitte?“ hakte ich nach.
„Nun hab‘ Dich mal nicht so. Links, rechts – wer wird denn da so kleinlich sein. Ich kann auch nicht gleichzeitig an alles denken“, erklang es spitz.
„Mensch, Raffi, so kommen wir nie rechtzeitig ans Ziel!“
Raffis Sound wurde einige Takte schneller:
„Ach ja? Jetzt bin ich es wohl wieder? Der Herr sitzt einfach gemütlich hinter dem Steuer, schaut sich in Ruhe die Gegend an, bewundert die Bäume und freut sich über die Sonne. Aber ihm macht es nichts aus, dass ich hier schufte und schwitze und mein Bestes tue, damit es ihm so gut wie möglich geht!“
„Hör mal, ich will mit Dir nicht diskutieren …“
„Aha!“ unterbrach sie mich barsch. „Geht der Herr also einer Diskussion aus dem Wege?! Klar, weil es so bequem ist, immer recht zu haben, weil …“
Nun unterbrach ich sie meinerseits und sagte etwas grob:
„Verflixt noch mal, Raffi, du bist nur eine Maschine und ich muss …“
Ein Schluchzen drang aus dem Lautsprecher.
„Nur eine Maschine …“, erklang es leise. „Mehr bin ich also nicht für dich?! Ein paar Drähte, etwas Plastik …“, die Stimme wurde immer leiser und versiegte schließlich ganz.

Ich schluckte und erklärte, dass ich es nicht so gemeint hätte. Aber Raffi antwortete nicht. Auch meine weiteren Entschuldigungen fanden kein Gehör, so dass ich ihr schließlich vorschlug, den alten Shell-Atlas aus dem Koffer zu holen und selbst den restlichen Weg zu finden. Dieser Vorschlag erzeugte aber lediglich weitere Heulkrämpfe, bei denen unterdrückt hervorkam: „Ach … ich bin Dir also nicht mehr gut genug? Wenn ich nicht so funktioniere, wie ich soll, dann greifst du einfach zu einem Ersatz? Austauschbar, wie ein Stück Blech!“
Ich schluckte die Bemerkung runter, dass sie eigentlich nur ein Stück Blech sei, ließ den Atlas im Kofferraum und hangelte mich auch so von Schild zu Schild zum Zielort. Am nächsten Tage ließ ich Raffi ausbauen und nach Israel zurückschicken. Das brachte mir zwar eine Reihe schlafloser Nächte und Schuldgefühle ein, aber irgendwann würde ich auch das überwunden haben …

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  1. Ben
    Aug 17, 2006

    Wie gut das ich mein Navi auf eine Männerstimme eingestellt habe. 😉

  2. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  3. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  4. HaPe
    Aug 18, 2006

    ….mal eine Frage: was wolltest Du in Gumpersberg? Da möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen……..

  5. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  6. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

  7. chainsaw
    Okt 1, 2006

    Wieder einmal fantastisch amüsiert! Vielen Dank für diesen Artikel.

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  4. Ulla & Rike » Blog Archiv » Frauen und Kartenlesen - [...] diese kleine Geschichte über Raphaela gefällt mir: Weibliche Navigationssysteme (unbedingt auch das Video [...]
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