Fitness für Gemäßigte

ganz schön fit

IGrunde meines Herzens bin ich eher der sportliche Typ. Also jetzt nicht so mit Muskelpaketen oder Sporthose beim Autowaschen. Eher so wie Clark Kent, man könnte sagen: der still-dynamische Typ. Daher ist es kein Wunder, dass ich vor einigen Wochen ein Tchibo-Schnäppchen in Form eines Steppers mit Mini-Trainingscomputer und Zugbändern erstand. Strahlend brachte ich das Paket nach Hause, wo mich Claudi – die unsensibelste aller künftigen Ex-Freundinnen – mit der Frage empfing, ob ich wieder etwas für den Sperrmüll gekauft hätte. Ich ignorierte sie, da ich bereits mitten in meiner mentalen Vorbereitung steckte, die für ein erfolgreiches Training unabdingbar ist, und die da lautete “Nur Dein Wille zählt!”
Jedenfalls war ich gerade auf dem Weg ins Schlafzimmer, als ich das glockenhelle Stimmchen von Claudi vernahm, die mir nachrief: “Auf keinen Fall wieder ins Schlafzimmer!” Okay, ich bin kompromissbereit – also auf ins Büro. Obwohl ich da wegen meinem Computer etwas vorsichtig bin, der keine Erschütterungen verträgt. Das Schlafzimmer hingegen … Wie auch immer: farblich passte …

dieser Stepper ausgezeichnet zu meinem externen DVD-Laufwerk und ich war’s zufrieden. Weder Aufbau noch die Einrichtung des kleinen Zeit-Schritt-Kalorien-Timers stellten besondere Anforderungen und schon bald steppte ich auf der Stelle, als hätte ich nie etwas anderes gemacht! Sehr schön, überlegte ich, während ich abstieg, jetzt sollte man die Sache systematisch angehen. Schließlich verpulvert man unnötige Energie, wenn man einfach so vor sich hin steppt. Als Profi wusste ich, dass es auf die Pulsfrequenz ankam. Eine Überlegung, die mich auf direktem Wege in den Keller führte. Dorte musste nämlich in irgendeiner Kiste noch jener Armband-Pulsmesser herumliegen, den ich damals zusammen mit dem Snowboard auf Anraten des cleveren Verkäufers erstanden hatte.
4 Kisten später entdeckte ich jene Web-Cam, die ich mir anlässlich der Einführung des Netmeeting-Programms 1998 zugelegt hatte. Damals stelle ich ein gewisses geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht der videobesessenen Netmeeting-User fest und hängte meine Video-Karriere innerhalb weniger Stunden an den Nagel. Mit der Cam in der Hand dachte ich einige Sekunden über die Möglichkeit nach, die Leser meiner Webseiten live mein Training beobachten zu lassen, verwarf den Gedanken aber dann doch schnell. Nach weiteren 14 Kisten tauchte tatsächlich der Pulsmesser auf, der mir zunächst einen kleinen Schreck einjagte, bis sich herausstellte, dass nicht ich, sondern die Batterien ihren Geist aufgegeben hatten.
Okay, ich musste also noch Batterien besorgen. Und bei dieser Gelegenheit könnte ich ja einen Schlenker an der Buchhandlung vorbei machen, um ein kleines Trainingsbuch zu besorgen. Schnell eine Suchabfrage beim Online-Buchhändler Amazon, der mir zu dem Begriff “steppen” sehr hübsche Bildbände über die Mongolei auswarf samt des in diesem Rahmen überraschenden Titels “Lieder aus dem alten Russland”. Nach einigen Suchverfeinerungen landete ich beim “Handtel Guide”, dessen inhaltliche Beschreibung eine gewisse geistige Verwandtschaft mit meinen Zielen aufzeigte. Ich notierte mir den Autor und machte mich auf den Weg (nicht ohne dass die gerissenste von allen anwesenden Freundinnen mir noch rasch den Müll in die Hand gedrückt hätte).
Auf dem Weg zur Buchhandlung begegnete ich Manfred und erzählte ihm kurz von meinem Vorhaben. Er zog mitleidig die Augenbrauen hoch, meinte, ich hinke doch wohl ziemlich den Zeichen der Zeit hinterher, und ich solle erstmal einen Espresso mit ihm trinken.
Während er seine Tasse genüsslich mit 2 Fingern hob und ich an meinem Mineralwasser nippte, klärte er mich auf: Dieser ganze Fitness-Hype sei ja nun wohl eine Sache der 80-er Jahre gewesen und heute allenfalls ein Thema für 16-jährige schmalbrüstige Mädchen, die Talkshows und Telenovellas anschauten. Natürlich würden von den Redaktionen immer im Frühjahr entsprechende Themen hervorgekramt, damit man mit dem Zauberwort “Diät” und “Fitness” auf der Titelseite ein paar tausend Käufer mehr einfangen könne. Ziel sei solcher Kampagnen sei einzig und allein, im Herbst weitere Legionen von Lesern zu ködern, die kläglich in ihrem Bemühen versagt hätten und nun freudig zu Titelbildern über den Kampf gegen Depressionen kaufen würden. So würde halt die Wirtschaft funktionieren.
Auf meine Frage, was denn seine Alternative sei, beugte er sich über den kleinen Tisch zu mir rüber und flüsterte verschwörerisch: “Temperance!”. Dann lehnte er sich mit einem strahlenden Gesicht zurück und erwartete wohl, dass ich ihm applaudierte. Was ich aber nicht tat, da ich mit dem Wort nichts anfangen konnte (wenn man mal von den geschichtlichen Verknüpfungen zu der Irländerin Anna Maria Hall oder der schottischen Abstinenzbewegung des 19. Jahrhunderts absah, aber das kannte ja nun wirklich jedes Kind). Manfred seufzte und ließ sich zu einer Erklärung herab:
“Temperance, mein lieber Freund, heißt nicht nur Mäßigkeit! Nein, es ist eine Lebenseinstellung!” Es folgte ein 30-minütiger Vortrag über die Grundprinzipien des Abendlandes. Da es nun schon dunkelte, gab Manfred mir noch ein Schlag auf die Schulter und verabschiedete sich. Mich ließ er verwirrt und nachdenklich zurück. Jedenfalls beschloss ich, den Kauf des “Hantel-Guide” samt Stepp-Training doch noch etwas zu verschieben und ging schleppenden Schrittes nach Hause.
Mich empfing ein glückliches weibliches Wesen, die sich kurz meinen Bericht über Manfreds Gedankengänge anhörte. Dann strich sie zärtlich über meine Nase, nannte mich “Ach, mein Dummerchen!” und erklärte mir, dass sie hellseherisch bei Tchibo bereits meinen Stepper gegen ein Pfannenset mit spezieller Teflonbeschichtung eingetauscht habe. Ja, niemand kannte mich so gut wie sie …!

3 Kommentare

  1. Apronhunter
    Jan 17, 2006

    Besser alles jedes Gimmick ist aber immer noch gutes altes Eisen. Doch aus was für Gründen auch immer lassen bekanntlich die immer fetter werdenden Massen nachwievor die Finger von Hantelstangen, Gusseisenplatten und Power Racks.

  2. Themenmixer
    Jan 18, 2006

    Klasse …. genau das richtige zum Lesen, bevor ich nun völig unsteppend in den Feierabend torkel.

    Danke.

    Ciao und Grüße vom Bodensee
    Jörg

  3. lars
    Jan 22, 2006

    Sehr schöner Blog macht spaß zu lesen und eine Geschichte die uns alle betrifft :-)

Trackbacks/Pingbacks

  1. jo$ blog-o-matic - Fitness für Gemäßigte Die(!) Leseempfehlung für heute. Leser(in), Du wirst es nicht bereuen: Fitness für Gemäßigte: Im Grunde meines Herzens bin ich eher ...

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>