Die Unsichtbaren

Jemand, der im Bereich der Schuldnerberatung tätig ist, erzählte mir vom Fall eines 19-jährigen: Durch irgendwelche Umstände haben sich bei ihm zwei-, dreitausend Euro Schulden angehäuft, er findet eine Stelle im Angelerntenbereich mit einem kleinen aber regelmäßigen Einkommen, in einem Plan werden penibel Abzahlungsraten, Wohnungskosten, Positionen für Kleidung, Essen usw. festgehalten. Es geht praktisch Null zu Null auf. Nach seinen Zielen gefragt, leuchten seine Augen einen Moment auf: Monatlich 20 Euro zurückzulegen für den Führerschein. Das ist alles. 20 Euro monatlich, die für eine Hoffnung sorgen, die ihm vielleicht das Durchhalten ermöglicht
Na und? werden Sie vielleicht denken. Wozu wird uns das jetzt erzählt? Kein Krebs, kein Autounfall, kein hungerndes Kind. Noch nicht mal arbeitslos. Eben. Er nennen wir ihn einfach mal Sigi Sigi steht für die Kaste der Unsichtbaren in unserem Land. Die Unsichtbaren. Das sind jene, die vom Scheinwerferlicht der Medien übergangen werden, weil sie nicht zu Tränen rühren, keine Einschaltquoten hergeben, kein Mitleid erzeugen. Die Unsichtbaren. Das sind jene, die weder an den Küchentischen der Nachbarin noch an den Stammtischen der Kumpels klagen und jammern. Jene, die in diesem Reich des Dämmerlichts leben, in das kein Außenstehender eintaucht. Jene, die einen zweiten Job annehmen müssen -, weil ihr Hauptjob nicht reicht. Und diesen Job erledigen. Jene Alleinerziehenden, die Kinder ordentlich anziehen, sich um die Hausaufgaben kümmern, für Essen sorgen und nie wissen, wie sie die letzten Tage vor dem Monatsende rumkriegen. Aber es schaffen. Jene Alten, die weit nach Mitternacht das Flimmern des Fernsehers erlöschen und wissen, dass der nächste Besuch der Tochter ersten in vier Wochen erfolgen wird. Und warten.
Ein zweiter Satz im Zusammenhang mit einem anderen Fall hat sich bei mir vor einigen Wochen festgesetzt. Wiederum kein Bericht, der es in eine Zeitung schaffen wird. Ein kleines Dorf hier in der Region. Es ist der Alltag eines 11-jährigens Mädchens. Nach der Schule geht sie nach Hause. Sie ist bis 17 Uhr dort allein, macht Hausaufgaben, spielt Playstation. Dann kommt ihr Vater, der aber den Abend meist bei seiner neuen Freundin verbringt. Sie ist mit Essen versorgt. Sie schaut Fernsehen. – Das Mädchen wurde nach ihrem größten Wunsch gefragt. Sie musste nicht lange überlegen: Nicht mehr allein sein. Nein, so etwas gibt keine Schlagzeile. Denn es ist der Satz einer Unsichtbaren
Dieser Beitrag wurde durch Herbert am 22. 5. 2006 um 1:13 am Uhr erstellt und ist in Einfach so ... kategorisiert. Jede Reaktion auf diesen Beitrag kannst du mit RSS 2.0 verfolgen. Du kannst eine Antwort oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen.
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Es ist ein schmaler Grat zwischen sentimentalem Kitsch und reißerischer Darstellung der erschwerten Lebensbedingungen mancher Menschen. Du hast mit deinem ungewöhnlich nachdenklichen Beitrag es geschafft aufmerksam zu machen.
In eine ähnliche Richtung geht ein von mir sehr geschätzter Blog ‘The snowsuit effort’ – http://www.snowsuit.net/ (Bilder von Obdachlosen in Detroit/USA und ihre eigenen Zitate). -
Wow. Danke für diesen Eintrag. Er ist unglaublich einfach geschrieben, aber sehr tiefsinnig – so liebe ich Texte. Einfach gestrickt, aber mit viel Tiefsinn. Berührend, aber nicht aufdringlich. nochmals danke!
Bin über einen stern.de-Artikel hier gelandet und werde wohl öfter bei dir reinschauen, wenn es genehm ist.Herzliche Grüße,
der Schattenengel -
Ich fand’ den Beitrag auch sehr sehr gut, schließe mich aber meinen beiden Vorrednern an. Trotz Gehalt unter Sozialempfänger-Niveau (erst AzuBi, jetzt Student) weist mein Konto ein Plus auf, weil ich nebenher jobbe…und eh jetzt einer die Runde Mitleid fordert: Ich lebe trotzdem sehr gut! Zugegeben, ich bin nicht alleinerziehender Vater, aber auch da hat man zumeist ein Wörtchen mitzureden, eh man zu einem wird.
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Danke!
Dein Beitrag hat auch mich sehr gerührt. Wobei ich mich gefragt habe ob es den von Dir so genannten “Unsichtbaren” helfen würde, wenn sie mehr Anerkennung erhalten würden. Damit meine ich, wenn sie beispielsweise für Talkshows und ähnliches herangezogen würden und damit so zu Opfern gemacht würden, die sie Gott sei Dank nicht sind.
Wie auch immer mich hat dein Beitrag sehr beeindruckt und ich bin Stolz auf all die “Unsichtbaren” die trotz mangelnder Aufmerksamkeit durchhalten.
Schön, dass es Menschen gibt die in der Lage sind solche Berichte zu schreiben. Bin mir sicher, dass durch deinen Beitrag, dem einen oder anderen Leser, ein “Unsichtbarer oder eine Unsichtbare” eingefallen ist, der/die im eigenen Umfeld lebt und etwas mehr Anerkennung verdient hätte.
Nochmals Danke für den schönen Beitrag und weiter so!!!
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#16 geschrieben von Sazkia vor 5 Jahren
Komme ja etwas spät mit meinem Kommentar, aber bin auch neu auf dieser Seite und stöbere halt noch rum…
Da werden ja zwei verschiedene Fälle beschrieben, die nix mit einander zu tun haben, außer daß beide nicht in der Zeitung stehen werden. Die Gründe, die dazu führen, können unterschiedlicher nicht sein.
Zum ersten, die Schulden kommen irgendwoher, es ist müssig zu diskutieren, ob die Eltern nicht aufgepaßt/erzogen haben, oder anderweitig die Schuldenfalle zuschnappte. Handies, Auto, kataloge, Internet, Banken, die großzügig spendieren, die Möglichkeiten, nicht vorhandenes Geld zu verprassen, sind so grenzenlos.
Der andere Fall sagt leider nichts über die Mutter, ist sie tot, ist sie weg? Kommt sie abends nach haus? Wie auch immer, die Kinder sind die leidtragenden in unserer Gesellschaft und die Zukunft, wie sollen sie sich positiv entwickeln, wenn sie keine Zuwendung erhalten und nicht gegossen werden?
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#17 geschrieben von Herbert vor 5 Jahren
Zwar ging es in dem Beitrag nicht um die “Schuld”-Frage, aber da einige Comments nun doch in die Richtung gehen “Jeder ist seines (Un-)Glücks Schmied”, ein paar Anmerkungen von mir dazu: Ja, natürlich, Menschen sind durchaus verantwortlich für das, was sie tun. Und ja: Es gibt viele Fälle, da würde sich auch bei mir das Mitleid in Grenzen halten (z. B. bei einem Teil der Hartz-IV-Empfänger, die bei Demos nur mitlaufen, damit ihr Sparkonto nicht angetastet wird – und die Allgemeinheit soll gefälligst dafür sorgen, dass ihr Wohlstand gesichert bleibt, um nur mal ein Beispiel zu nennen.) Aber die Folgerung, dass man sich, wenn es einem gut geht, das “selbst verdient” hat, halte ich auch für ausgesprochen fraglich.
Unser System hat nur deshalb die letzten Jahrzehnte so “toll” funktioniert, weil wir den Wohlstand auf Kosten von ärmeren Ländern erkauft haben, deren Wirtschaft wir (= die Industrienationen) systematisch und wissentlich zerstört haben. Ganze Industriezweige mit prima viel Arbeitsplätzen sind “erblüht”, weil wir dafür die Atemluft unserer Kinder kaputt gemacht haben. Unseren feinen Platz als “Exportweltmeister” verdanken wir zu einem hohen Teil der Rüstungs- und Stahlindustrie, die sich am Tod von Menschen dumm und dusselig verdient. Die Liste könnte man ellenlang fortsetzen. Was ich damit sagen will: Unser “toller” deutscher Wohlstand ist verdient – auf Kosten von anderen, und keineswegs durch unsere eigene “Leistungen” wie Fleiß, Bescheidenheit, Pünktlichkeit und was der Märchen mehr sind.
Auf der individuellen Ebene sieht es nicht anders aus: Martin schreibt, dass er als Student sein Leben meistert. Das ist ja gut und schön. Aber die Kosten für jene Universität, die Kosten für Personal, die Kosten für Gebäude usw. usw. – die muss er gar nicht persönlich tragen. Die trägt die Allgemeinheit, ohne zu wissen, ob sich das je für sie auszahlen wird. In der gleichen Sekunde, in der jeder für uns die “echten” Kosten alleine zu tragen hätte, die er verursacht, würden die meisten von uns als arme Würstchen in der Gegend stehen (einschließlich meiner eigenen Person). – Und das, was TabulaRasa beschreibt, ist bitterer Alltag an Konkursgerichten: Viele – “fleißige”, “saubere”, “ehrliche” – Menschen werden von ihren nichtzahlenden Kunden in den Ruin getrieben. Und da weigere ich mich einfach flapsig zu sagen “Na ja, irgendwoher kommen die Schulen, der wird schon selbst dran schuld sein.”
Alle anderen Geschichten – dass schon ein falscher Schritt auf der Straße genügt, ein skrupelloser Bankangestellter, der Dir zum Hausbau rät, ein verirrtes Virus in der Luft – dass all das in Sekundenbruchteilen genügt, um heile Welten einstürzen zu lassen, will ich hier gar nicht erst erwähnen … -
Ein berührender Artikel – wunderschön und stimmig! Ich kenne viele “Unsichtbare” und finde toll, wie du Ihnen gerecht wirst – ohne sie, die “Unspektakulären”, würde keine Gesellschaft funktionieren.
Seit langem bin ich mal wieder einfach so “rumgesurft”, mal sehen, wer vom “Urgestein” der ersten Internet-Jahre alles noch lebt – und auch aktiv ist! Schön, dass du auch unter die Blogger gegangen bist – ich guck jetzt öfter mal rein, obwohl immer noch weiblich.
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Danke für diesen Beitrag. Auch ich zähle mich zur Gruppe dieser Unsichtbaren – Schulden auf der Bank, kleines Einkommen, kleine Ziele.
Aber bald habe ich es geschafft, und derzeit ist mein grösster Wunsch einfach nur: irgendwann Geld auf dem Konto haben, das nicht verplant ist.